Rezension – „Ne znam“ – Zeitschrift für Anarchismusforschung

Nummer 1 – Frühjahr 2015

Als erstes ärgere ich mich mit meiner immer mal auftretenden Sehstörung darüber, dass nur recht wenige Neuerscheinungen dieses Bereichs digital verfügbar sind. Ich halte das durchaus auch für eine relevante Thematik, wenn man größere Verbreitung von Texten anstrebt. Das aber nur am Rande.

„haltet euch fern von Vaterländern und Parteien…“

Eingeleitet wird das 155-seitige Buch (was nicht im üblichen Zeitschriftenformat daherkommt) mit der Übersetzung eines Briefes von Elisée Reclus von 1901 „An die Redaktion von Huelga General in Barcelona“. Somit wird gleich zum Einstieg verdeutlicht, welche Kraft und Aktualität die Lektüre von Anarchist*innen vergangener Zeiten bietet. 

Allerdings fällt direkt beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses auf, dass ausschließlich Texte von Männern veröffentlicht wurden. Geschlechtergerechte Sprache wird unterschiedlich verwendet (vermutlich je nach Wunsch des Autors mal mit Asterisk, mal mit Binnen-I. Im kurzen Mailkontakt mit Philippe Kellermann wurde deutlich, dass er durchaus Interesse hat an Texten von Frauen. Er habe aber bisher vor allem Absagen erhalten. Er werde allerdings keine Beiträge von Frauen nur deshalb veröffentlichen, da dies alleine kein „Qualitätsmerkmal“ darstelle. 

Im Interview mit dem Titel „Über den Zustand anarchistischer Theorie und Praxis in der Gegenwart“ merkt Oskar Lubin als Kritikpunkt an Veröffentlichungen der letzten Jahre immerhin an, dass feministische Perspektiven (neben poststrukturalistischen und postkolonialistischen) fehlen. 

Für mich allerdings prägender Satz im Streitgespräch erfolgt von Gabriel Kuhn im Zusammenhang mit in der anarchistischen Szene diskutierten Themen: „Der Widerspruch, der zwischen dem universalen Anspruch des Anarchismus und der mangelnden Vielfalt in seinen eigenen Reihen besteht, ist eine der größten Herausforderungen, der sich die Bewegung gegenüber sieht.“ 

Daraus ergibt sich unter anderem unmittelbar die Frage, wie breit man Allianzen schmieden kann, um etwas wie Relevanz in einer Gesellschaft zu erkämpfen, ohne den Kern einer Bewegung zu verraten.

Weiterhin beschäftigt sich das Streitgespräch zwischen Oskar Lubin und Gabriel Kuhn mit der Notwendigkeit, den Anarchismus auf Theorieebene zu erneuern, z.B. was Funktionsweisen von Herrschaft aktuell angehe. Die von Lubin vertretene These, dass es zwar Überwachung gebe, dass Herrschaft heute trotzdem weniger durch Repression, denn durch „symbolische Macht“ (Bordieu) oder auch durch Konsens funktioniere (Gramsci, Rancière), bedarf weiterer Betrachtungen.

Wichtig seien weiterhin die Fragen, wie Herrschaft heute gesichert werde und wer davon profitiere.

Zudem kritisiert er das z.B. von Graeber oder Scott angenommene Menschenbild (dass „die Natur des Menschen“ im Grunde gut sei). Gabriel Kuhn hingegen sieht weniger das Menschenbild bei Graeber und Scott als problematisch an, sondern die damit verbundene Reduzierung von Anarchismus auf einen individuellen Lebensentwurf statt eines gesellschaftlich revolutionären Anspruchs.

Aus der bereits angedeuteten Problematik, dass anarchistische Räume und Diskurse männlich dominiert sind, ergibt sich im Streitgespräch die Frage nach Regulierung. „Wer stellt die anarchistischen Regeln auf? Wer achtet darauf, dass sie eingehalten werden?“

Was Anarchismus heute lt. Lubin leisten kann und sollte, verdient ebenfalls Erwähnung: „bestimmte Haltungen in Bezug auf alle Fragen des Sozialen zu verknüpfen unter dem Banner einer normativ herrschaftsfreien Haltung.“

Zum Ende des Interviews geht es abschliesend darum, wie Theorien des Anarchismus heute noch wirken, gelesen werden sollten oder auf aktuelle Prozesse und gesellschaftliche Entwicklungen und heute zu führende Kämpfe angepasst werden könnten.

Bereits der erste Text des Buches enthält somit gleich verschiedenste, weiter zu diskutierende, spannende Ansätze. Auch die darauf folgenden Aufsätze verknüpfen alte Theorien (z.B. Marx, Engelsauf anspruchsvolle Weise mit aktuellen Problemen wie PEGIDA und AfD. These: „Die Wutbürger des klassischen Anarchismus waren das Lumpenproletariat.“

Die gesamte Textauswahl/Mischung dieses neuen Formates wirkt grundsätzlich sehr interessant, ist aber nicht unbedingt für Einsteiger*innen geeignet. Es geht um Forschungsansätze, Theorien etc., somit mit eher intellektuell hohem Anspruch und nicht für breite Massen geschrieben. Allerdings sollte dies die interessierten Anarchist*innen oder welche, die es werden wollen, jetzt nicht abschrecken. Bisher bin ich in der kurzen Zeit noch nicht über das erste Interview hinaus, welches sich allerdings sowohl inhaltlich, als auch sprachlich sehr kurzweilig gestaltet. 

Das verheißt also weitere spannende Stunden Lektüre. Bisher: Unbedingte Leseempfehlung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.